Über ein Jahrzehnt endloser Straßen und fremder Gesichter! Die Grenzen der Länder verschwammen, Routen verzweigten sich – und das eigentliche Ziel wurde zur bloßen Metapher. Ging es uns wirklich darum, von Patagonien nach Alaska zu reisen? War es überhaupt Alaska, was wir suchten? Nun, heute stehen wir hier an diesem Schild „Welcome to Alaska“. In jedem Buchstaben blitzen fremde Sprachen auf, Erlebnisse und Erfahrungen, die uns verändert und verzaubert haben. Lasst uns Alaska genießen – die Antwort auf die Frage des Ankommens finden wir gewiss.
Wir wollen gut vorbereitet sein – und so türmen sich die Prospekte aus der Touristeninformation auf unserem Tisch. Bunt bedruckt locken sie mit Gletschern, wilden Tieren oder fast vergessenen historischen Orten. Doch die Landkarte erzählt eine andere Geschichte: Sie zeigt uns die unendliche Weite Alaskas, all jene Flecken die unerreichbar bleiben. Weil es schlichtweg keine Straßen dorthin gibt. Sogar die Hauptstadt Juneau kann nicht über den Landweg erreicht werden. In diesem Alaska-Maßstab wäre München ein Dorf mit 2.000 Einwohnern – und der gesamte Freistaat eine einzige, menschenleere Tundra. Die Distanzen hier folgen keinem europäischen Maßstab – sie gehorchen der Tundra-Logik: Alles ist weiter, leerer und unberechenbarer. Unser erstes Ziel? Der Dalton Highway, die Route 11!
Es gibt Straßen, die führen weg – weg vom Bekannten, hin zu Neuem. Und so zieht es uns zuerst in diese Region hoch im Norden, auf eine Route ohne Hinweisschilder, die uns vorschreiben, was wir zu fühlen haben. Zu dieser Zeit verwandelt sich die Tundra in ein surreales, flauschiges Meer aus Weiß. Das Wollgras übersät die Ebenen mit seinen watteweichen Büscheln, die wie ein schimmernder Teppich über der schier unendlichen Ebene liegen – bis zum Horizont und darüber hinaus. Es ist ungewöhnlich warm, haben wir doch den arktischen Zirkel längst hinter uns gelassen und frostige Temperaturen erwartet. Doch der Sommer ist allgegenwärtig und so schenkt er uns Tage mit 28 Grad!
Der Dalton Highway ist eine Schotterpiste, die nur existiert, weil die Menschen gierig nach Öl sind. Der Highway ist ein widerwilliges Zugeständnis der Wildnis an den Profit, eine Schotterader, an deren Rand eine Röhre verläuft, die das schwarze Gold in die eisfreien Häfen des Süden pumpt. 1.226 Kilometer weit. Mal oberirdisch mal unterirdisch. Und doch ermöglicht sie unseren Weg in die raue Wirklichkeit Alaskas. Die Piste, übersät mit Schlaglöchern, ist bei Sonnenschein eine staubige Angelegenheit. Ohne Rücksicht fliegen einem die wahnsinnigen, halsbrecherischen Fahrer der LKWs der Ölindustrie entgegen, während ihre aufwirbelnden Steine drohen, die Windschutzscheibe zu zertrümmern. Regnet es, wird sie dich in eine Schlammschlacht schicken, und der Untergrund unter deinen Reifen wird dich nicht wissen lassen wohin die Fahrt geht.
Trotz aller Widrigkeiten der Piste – dem Staub, der Schlaglöcher, dem unberechenbaren Schlamm – diese Piste ist ein Highlight! Da sind die Moschusochsen, die wie aus einer anderen Zeit gefallen sind und gemächlich unseren Weg kreuzen, mit ihrer urzeitlichen Silhouette mit ihrem zotteligem Fell. Nachts, wenn die Mitternachtssonne die Dunkelheit nicht zulässt, huscht der Silberfuchs lautlos mit wachen Augen um unser Lager. Ein flüchtiger Besuch, sein Auftauchen immer ein besonderes Geschenk. Die Karibus gehören hier her in die weiten Ebenen der Tundra; wir dagegen sind nur Besucher. Stolz tragen sie ihr Geweih wie eine Krone. Selbst der kargste Felsen wird zum Leben erweckt durch zarte Blumen; denen niemand glauben schenkt; dass sie in dieser Wildnis bestehen – und doch können wir sie hier allgegenwärtig bewundern. Jeder holprige Kilometer lohnt sich für diese Momente, für diese Natur!
Wir sind am Ziel dieser langen Reise angekommen. Und mit diesem Ankommen breitet sich eine stille, warme Zufriedenheit aus. Die Art von Ruhe, die nur entsteht, wenn man weiß, dass sich all die Zweifel nicht bewahrheitet haben, dass der Glaube an sich selbst das Wichtigste ist. Doch Alaska ist noch nicht zu Ende – wir werden euch noch ein letztes Mal berichten, bevor wir die Feder niederlegen. Wir erzählen euch von Bären und Lachsen. Und eins ist sicher: Es wird
immer Straßen geben, die wegführen. Weg von Bekanntem. Hin zu Neuem.
Anke und Wolfgang